Situation in der Schach-Bundesliga

"Herzlichen Glückwunsch zum Klassenerhalt!" - Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich dies in den vergangenen Tagen gehört habe. Und ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, stelle ich jetzt einfach mal fest, dass in vielen Fällen eine sarkastische Note im Unterton nicht zu überhören war. 

Selbstverständlich völlig zu recht. Schließlich ist der Klassenerhalt des FC Bayern München in der 1. Bundesliga auch in diesem Jahr wieder nur durch die Hintertür möglich geworden. Ein Umstand, der in den letzten Jahren fast schon zur Gewohnheit geworden ist. "Rückzug", wenn dieses Wort fällt, zucken in der Schach-Bundesliga erst einmal alle mächtig zusammen. Zu groß war der Schwund an Bundesligisten in den vergangenen Jahren. Keine Frage: Das sollte nicht so sein und darf auch nicht so bleiben, wenn die Liga, die sich gerne als stärkste Schach-Liga der Welt bezeichnet, eine Zukunft haben soll.

Warum wollen immer wieder Mannschaften bzw. Vereine nicht mehr in der 1. Bundesliga spielen? Verschiedene Kommentatoren sehen hier diverse individuelle Situationen. Da mag etwas dran sein oder auch nicht. Ich sehe offen gesagt meist nur einen, vielleicht zwei Gründe. Zweifelsohne am häufigsten: Das Geld. Die Teilnahme an der Schach-Bundesliga kostet Geld, und zwar nicht zu knapp. Erst jüngst warfen die Dortmunder eine Zahl in den Raum, die denjenigen, die die Buchführung für eine Bundesligamannschaft zu verantworten haben, durchaus realistisch erscheinen musste. Geld, das jüngst in Dortmund oder auch in Erfurt kurzfristig nicht aufzutreiben war.

Wofür wird das viele Geld in der Schach-Bundesliga ausgegeben? Da wären zunächst die Fixkosten für den Spielbetrieb. Das heißt vor allem Reisekosten und Kosten für ein Spiellokal für die Heimkämpfe, das den Anforderungen der Schach-Bundesliga genügt, inklusive der vorgeschriebenen Verpflegung. Dazu kommen die Kosten für die Live-Übertragung im Internet, für die sich viele Vereine externer Unterstützung bedienen. Auch das schlägt schnell mit einem vierstelligen Betrag zu Buche. Ein gewisser Luxus ist bereits ein Live-Kommentar für die Zuschauer vor Ort, der selbstredend auch nicht für umsonst zu haben ist. Immerhin eröffnet man damit ein Angebot für das Publikum. Ist das die erste Ecke, an der man sparen sollte? Das lasse ich an dieser Stelle mal offen.

Bis hierher bewegen wir uns übrigens noch auf "gemeinnützigem Terrain". Wenn zusätzlich noch Spieler engagiert werden sollen, die sich für ihre Bundesliga-Auftritte bezahlen lassen, verlassen wir selbiges in Richtung "Professionalität". Ob wir beim FC Bayern München die Einzigen sind, die dies konsequent und ohne Ausnahme ausschließen, kann ich nicht beurteilen. Wohl aber dürften Spielergehälter bei der Mehrheit der Vereine in der Schach-Bundesliga den mit Abstand größten Kostenfaktor darstellen. Saisonbudgets im mittleren bis oberen fünfstelligen Bereich sind da sicher keine Seltenheit. Geld, das Jahr für Jahr aufgebracht werden muss. Ohne nachhaltiges Finanzierungskonzept wird langfristiger Erfolg ein Wunschtraum bleiben. Es dürfte hierbei wohl klar sein, dass Nachhaltigkeit im Verhältnis zwischen Verein und Geldgeber nur zu erreichen ist, wenn dies für beide Seiten attraktiv ist. Ich denke, dies ist genau der Punkt, über den so mancher Verein in den letzten Jahren gestolpert ist. Nur allzu oft hängt das Wohl und Wehe einer Bundesliga-Mannschaft an einzelnen Geldgebern, bei denen stets die Möglichkeit besteht, dass sie betriebswirtschaftlich keinen Sinn mehr in ihrem Engagement sehen, oder irgendwann einfach nur die Lust verlieren.

Gibt es eine Patentlösung für dieses Problem? Ich habe leider keine. Und auch ich sehe nicht, welchen - gegebenenfalls kommerziellen - Nutzen ein Schach-Bundesligist einem Geldgeber bieten könnte, um ihn dauerhaft an ein Engagement in der Schach-Bundesliga zu binden. Bei nicht einmal einhunderttausend registrierten Schachspielern in Deutschland ist das Potenzial für eine massenwirksame Inszenierung der Schach-Bundesliga nunmal begrenzt. Und daran, dass sich der nicht-organisierte schachspielende Opa mit seinem Enkel Samstagnachmittag ans Internet setzt, um sich von den 64 gleichzeitig stattfindenden Partien die interessantesten herauszusuchen, und dann nebenbei auch noch die ganzen Werbebanner anklickt, glaube ich einfach nicht. Es erscheint mir wesentlich sinnvoller, das finanzielle Engagement auf den gemeinnützigen Sektor zu konzentrieren oder zumindest eine etwas gesündere Mischung anzustreben.

Soviel zum Thema Geld. Aber wie gesagt: Hierin sehen nicht alle in jedem Fall den alleinigen Grund für die ständigen Rückzüge. Personelle Probleme seinen ebenfalls vielfach das Thema und gerade in der abgelaufenen Saison wird hier gerne auf das Beispiel Emsdetten verwiesen. Im konkreten Fall kann ich mir natürlich keinerlei Urteil erlauben. Dennoch ist es einmal den Versuch wert, das Thema "Personal" etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Wieviel und welches Personal wird denn für die Organisation von Bundesliga-Mannschaften bzw. Bundesliga-Veranstaltungen gebraucht? Mannschaftsführer selbstredend, dazu vielleicht noch jemand, der bei der Organisation der Reisen hilft, dann hat man bereits den Großteil der Saison im Kasten.

Deutlich personalaufwendiger sind gewiss die Heim-Wochenenden. Da ist allerhand zu bewerkstelligen, wenn man möchte, dass Spieler, Offizielle und Zuschauer das Wochenende in guter Erinnerung behalten. Wir hatten für unser Heim-Wochenende beim FC Bayern in der vergangenen Saison ein Team von 7 Vereinsmitgliedern auf ehrenamtlicher Basis zur Verfügung, das die Veranstaltung gut im Griff hatte. So jedenfalls das einhellige Feedback, das wir erhalten haben.

Der "Erfolg" der Veranstaltung war für die meisten Beteiligten schon Motivation genug, sich das Wochenende um die Ohren zu schlagen. In Sachen Motivation gibt es allerdings noch ein weiteres wesentliches Element, und zwar die Bindung der Bundesliga-Mannschaft an den "übrigen" Verein. Was für eine "Bindung" meine ich da? Eine persönliche, menschliche, und keine vertragliche Bindung. Interessiert sich der "Rest" des Vereins, der in der Regel den Hauptteil des Vereins ausmacht, überhaupt für die 1. Mannschaft in der 1. Bundesliga?

Lassen Sie mich das mal an einem fiktiven Beispiel erklären, das sich so oder so ähnlich zwischen dem Spieler B., der gerade seine Partie verloren hat, und dem Vereinsmitglied K., der den Imbissstand bewirtschaftet, zutragen könnte: "Na B., wie ist denn deine Partie gelaufen? Ich habe hier draußen am Kaffeestand fast nichts mitbekommen." Das Beispiel funktioniert natürlich nur, wenn B. jetzt auch sprachlich verstanden hat, was er gerade gefragt wurde. Wenn ja, muss er sich jetzt noch dazu überwinden, seinem Gesprächspartner K., der schon seit 6 Stunden die Stellung am Imbissstand hält und vielleicht "nur" ein Kreisliga-Spieler ist, zu erklären, dass sein Qualitätsopfer im 28. Zug an einer Finesse gescheitert ist, die ein 2600er eben sieht. Glücklicherweise kommt da gerade der nächste Zuschauer, der einen Kaffee möchte. Die Chance könnte B. nutzen und sich lautlos davon schleichen. Aber das macht B. natürlich nicht, wenn ihm K. etwas bedeutet. Er wartet statt dessen, bis der Zuschauer auch Kaffeesahne und Zucker noch in der Tasse hat und antwortet sodann vielleicht: "Die Qualle hätte ich nicht geben sollen. Kann ich Dir ja unter der Woche beim Clubabend mal zeigen." Die Augen von K. fangen an zu leuchten. Was meinen Sie? Gibt es noch immer ein Motivationsproblem?

Nun gut, Sie können selbst beurteilen, ob die personellen Probleme, die so oft zitiert werden, in diese Richtung gehen oder nicht. Auffällig ist jedoch - und das sage ich mit aller Vorsicht eines aus der Ferne Beobachtenden - dass vielfach Vereine Probleme bekommen, in denen die Bundesliga-Mannschaft, oder sagen wir ruhig "Profi-Mannschaft" mit dem Verein an sich nicht viel zu tun zu haben scheint. Hier für eine möglichst gute Integration zu sorgen, erscheint absolut geboten zu sein, zumindest solange wir ein Ligamodell haben, das von Mitgliedsvereinen der Landesverbände getragen wird.

"Vielen Dank! Wir freuen uns, auch in der kommenden Saison wieder dabei zu sein." Das ist meine Antwort auf den eingangs erwähnten Glückwunsch. Und das ist absolut ehrlich gemeint. Müssen wir als FC Bayern München ein schlechtes Gewissen haben, schon wieder ein Jahr in der 1. Bundesliga verbringen zu dürfen? Nein! Es gibt schlichtweg keine 16 Vereine, die in der Schach-Bundesliga spielen wollen und eine bessere Qualifikation hätten als wir. So einfach ist das. Fühlen wir uns als Lückenfüller? Überhaupt nicht! Wir werden keine Lücke "füllen", sondern eine Teilnahme "gestalten". Und zwar mit zwei Heim-Wochenenden in der kommenden Saison, und dank unseres Nachbarn MSA Zugzwang sogar drei Bundesliga-Wochenenden in München. Und darauf freuen wir uns!

Jörg Wengler