Computerschach-WM 2015

Die Schachabteilung des FC Bayern München hat einen aktuellen Weltmeister in ihren Reihen! Johannes Zwanzger, der mit seinem Schachprogramm "Jonny" seit Jahren zur internationalen Spitze gehört, hat es endlich geschafft: Bei der gerade zu Ende gegangenen World Computer Chess Championship holte er den Titel! Lesen Sie nachfolgend, wie er selbst das Turnier und seinen Erfolg erlebte:

Vom 29. Juni bis 5. Juli 2015 fand zum nunmehr 21. Mal die Computerschach-WM statt, die diesmal im holländischen Leiden ausgetragen wurde. Seit 2003 bin ich dort mit meinem Programm "Jonny" regelmäßiger Teilnehmer. Die WM selbst besteht aus drei voneinander unabhängigen Turnieren mit jeweils unterschiedlichen Regelungen für Bedenkzeit und Hardware: Bei der WCCC (World Computer Chess Championship, 1:45h + 15sek/Zug) und dem Blitzturnier (7 min/Partie) dürfen die Teilnehmer beliebige Rechner verwenden, die irgendwo auf der Welt stehen können. Bei der WCSC (World Computer Software Championship - wo das "Chess" geblieben ist frage ich mich seit Jahren) dagegen spielen alle auf baugleichen Computern, die vor Ort bereit gestellt werden; die Bedenkzeit beträgt hier 45 min + 15sek/Zug. Auch wenn im Sinne der Vergleichbarkeit zwischen den Programmen - den sogenannten "Engines" - natürlich die WCSC die fairsten Bedingungen bietet, gilt doch gemeinhin die WCCC als die "Königsklasse". Hier spielen sozusagen die besten Schach-"Systeme" gegeneinander, wobei ein System dann eben die Einheit aus Engine und der zugrunde liegenden Hardware ist.

Jonny ist inzwischen stark genug, um in allen drei Disziplinen vorne mitzuspielen, besonders ambitioniert bin ich seit 2010  aber vor allem bei der WCCC und im Blitz, also den Wettbewerben ohne Hardwarebeschränkung. Das hat einen einfachen Grund: Damals habe ich meine studentische Freiheit genutzt, um das Programm in einer zweimonatigen Großaktion Cluster-fähig zu machen, das heißt dass es gleichzeitig die Rechenleistung von mehreren Computern nutzen kann, die nur über ein Netzwerk miteinander verbunden sind. Seitdem durfte ich bei den Weltmeisterschaften immer auf einem Teil des Clusters meiner ehemaligen Universität in Bayreuth spielen. Dieses Jahr konnte "Jonny" so auf insgesamt 2400 Prozessoren rechnen. Das ist natürlich ein großer Vorteil, den man allerdings auch nicht überschätzen sollte: Schachalgorithmen sind schon auf einem einzelnen Rechner sehr schwer zu parallelisieren, auf einem Cluster sind die Reibungsverluste dann aber noch einmal deutlich größer. Und tatsächlich hat "Jonny" damit bisher auch "nur" den Blitztitel 2011 gewonnen, während er sich bei der WCCC immer die Zähne ausgebissen hat, bis... jetzt!

Heuer lief endlich auch bei der WCCC einmal alles glatt: Jonny kam immer mit ordentlichen Stellungen aus seinem kurzen Eröffnungsbuch, dass ich noch kurz vor der WM zusammengestrickt hatte und zahlte es mit einem tollen Gesamtergebnis von 7/8 bei durchgängig guten Partien zurück. Ein absolutes Highlight war der studienartige Sieg gegen "Komodo" in der fünften Runde, nachdem es eigentlich 130 Züge lang nach einem langweiligen Remis ausgesehen hatte. Aber auch die Partien gegen "The Baron" und "Ginkgo" haben mir sehr gut gefallen. Die Schlußrunde gegen "Hiarcs" war übrigens eine absolute Achterbahnfahrt der Gefühle: Jonny führte mit einem halben Punkt vor Komodo, der am Nebenbrett gegen "Shredder" spielte, Hiarcs selbst lauerte mit einem Punkt Rückstand. Bei Punktgleichheit war ein Tiebreak vorgesehen. Nach zahmer weißer Eröffnungsbehandlung brachte sich Jonny mit 14. ... c4?! unnötig in Schwierigkeiten, aber Hiarcs verpasste die gute Gelegenheit (20. g4! sah ziemlich beunruhigend aus). Also erstmal durchschnaufen. Shredder stand lange gut, aber irgendwann kippte die Partie schließlich doch zugunsten von Komodo und ich bereitete mich innerlich schon auf einen Stichkampf gegen das amerikanische Programm vor. Bei knapp werdender Zeit hat Hiarcs dann aber die Übersicht verloren und seine Stellung in wenigen Zügen zum Verlust verdorben.

Und so durfte ich bei der anschließenden Siegerehrung zum ersten Mal die traditionsreiche "Shannon Trophy" entgegen nehmen. Damit ist ein lange gehegter Traum für mich Wirklichkeit geworden! (Zwanzger)

 

Anspannung in der letzten Runde: Hiarcs gegen Jonny. Noch sieht alles nach einem Stichkampf gegen Komodo aus. Foto: Gerd Isenberg

 

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Die "Shannon Trophy" - ein Traum wird wahr!. Foto: Jan Krabbenbos